Stille und Gebet

Eines Tages kamen zu einem einsamen Mönch einige Menschen. Sie fragten ihn:

„Was für einen Sinn siehst du in deinem Leben der Stille und Meditation?“

Der Mönch war mit dem Schöpfen von Wasser aus einem tiefen Brunnen beschäftigt. Er sprach zu seinen Besuchern:

„Schaut in den Brunnen. Was seht ihr?“

Die Leute blickten in den tiefen Brunnen: „Wir sehen nichts!“

Nach einer kurzen Weile forderte der Mönch die Leute erneut auf:

„Schaut in den Brunnen! Was seht ihr jetzt?“

Die Leute blickten wieder hinunter: „Ja, jetzt sehen wir uns selber!“

Der Mönch sprach:

„Nun, als ich vorhin Wasser schöpfte, war das Wasser unruhig. Jetzt ist das Wasser ruhig. Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation: Man sieht sich selber! Und nun wartet noch eine Weile.“

Nach einer Weile sagte der Mönch erneut: „Schaut jetzt in den Brunnen. Was seht ihr?“

Die Menschen schauten hinunter: „Nun sehen wir die Steine auf dem Grund des Brunnens.“

Da erklärte der Mönch: „Das ist die Erfahrung der Stille und der Meditation. Wenn man lange genug wartet, sieht man den Grund aller Dinge.“

I

Dasein vor Dir, Herr

Dasein vor Dir, Herr, das ist alles.
Die Augen meines Leibes schliessen und still sein.
Die Augen meiner Seele schliessen und warten.
Dir gegenwärtig sein, dem unendlich Gegenwärtigen.
Mich Dir aussetzen, der Du Dich mir ausgesetzt hast.
Michel Quoist

Auf Deinen Klang zu lauschen,

der in der Stille webt

gleich einem Engelsrauschen,

das über allen schwebt,

und Dich so nah zu spüren

an meiner Seele Grund,

das öffnet alle Türen

und macht mein Herz gesund.

Julia Hagemann

Gott, du wartest auf mich.

So wie ich bin, darf ich vor dir sein.

Ich lasse mich anschauen von dir, der du deinen Blick liebevoll auf mich richtest.

Du kennst mich und weißt um mich.

Voll Vertrauen warte ich auf dein Wort.

Lass mich deine Nähe erfahren

und zeige mir, was du jetzt zeigen möchtest. Amen.

Leseempfehlung: Im Raum der Stille

Wenn du dich dem hingibst, was ist,
und auf diese Weise vollkommen gegenwärtig bist,
verliert die Vergangenheit all ihre Macht.

Dann erschließt sich dir das Reich des Seins,
das vom Denken bisher verborgen wurde,
plötzlich erhellt dich eine tiefe Stille,
ein grenzenloses Gefühl des Friedens.

Und in diesem Frieden ist eine große Freude,
und in dieser Freude ist Liebe.
Und in ihrem innersten Kern ist
das Heilige, das Unermessliche, das Namenlose.

Eckhart Tolle, Leben im Jetzt